Die Geschichte von „Watson“, der Rabenkrähe

Die Geschichte von „Watson“, der Rabenkrähe

Es begann im Mai 2020, ich kam gerade mit meinem Camper Lkw zurück aus dem Norden und musste noch einmal Pause machen. Ich suchte mir einen ruhigen Parkplatz, um ein wenig zu schlafen und meine Reise dann weiter fortzusetzen. Auf dem Parkplatz angekommen, fiel mir direkt auf, dass sehr viele Rabenkrähen und Raben dort nisteten. Ich wollte mir noch kurz die Beine vertreten, bevor ich mich ausruhe. Da sah ich eine junge Krähe, die ganz ruhig im Graß saß. Ich beobachtete sie eine Weile und stellte fest, dass es sich um einen Jungvogel, der noch nicht fliegen kann, handelte. Nun soll man in solchen Situationen nicht voreilig reagieren und den Vogel aufsammeln. Zuerst sollte man prüfen, ob der Vogel noch von seinen Eltern versorgt wird.
Nach ca. zweieinhalb Stunden war das Einzige was ich feststellen konnte, dass der Vogel nicht versorgt wird, sondern auch von den anderen Krähen angegriffen wird. Somit beschloss ich den kleinen einzufangen und ihm zu helfen. Er war direkt sehr zutraulich und kam neugierig zu mir. Ich packte ihn in einen Karton und legte ein Handtuch darüber, so das es in der Box dunkel war. Meine Pause war vergessen, geschlafen hatte ich auch nicht, aber es gab jetzt wichtigeres. Das Leben eines Wildtieres zu retten, hatte jetzt Priorität. Ab da begann eine wundervolle Zeit, der Freundschaft und des Vertrauens. Zu Hause angekommen baute ich ihm am nächsten morgen eine Außenvoliere, so dass er Kontakt zu seinen Artgenossen aufbauen kann. Alle paar Stunden bekam er Futter und Wasser von mir. Im Anfang war es sehr mühselig Watson zu füttern. Von Tag zu Tag wurde es besser und er erholte sich von seinem harten Lebensstart. Nach ein paar Tagen fing ich an Flugstunden mit ihm zu machen.
Er musste irgendwann allein in der Natur klarkommen und sich selbst ernähren. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass wir richtig gute Freunde werden und sehr viel Zeit zusammen verbringen werden. Also setzte ich ihn jeden Tag für ein paar Stunden in den Garten und er konnte seine Flügelmuskeln stärken und bald auch allein fliegen. Die ersten Bruchlandungen waren schon etwas lustig, aber so ergeht es wohl jedem Jungvogel.
Einen morgen setzte ich ihn raus und er flog eine Runde ums Haus und verschwand in den Wiesen hinter dem Grundstück. Er war noch nicht so weit, um allein klarzukommen und so begab ich mich auf die Suche nach ihm. Nach kurzer Zeit fand ich ihn und er kam mit mir wieder nach Hause. So ging das jeden Tag, meine Nachbarn haben mich glaub ich schon für verrückt erklärt, wenn ich laut krähend, mit einer Weintraube in der Hand, durch die Straßen gelaufen bin um Watson wiederzufinden. Es kam der erste Tag, wo er über Nacht weg war, ich Verrückter habe vor der Balkontür geschlafen, um ihn nicht zu verpassen, wenn er wieder kommt. Morgens früh war er dann plötzlich wieder da und schrie nach Futter. Ab da brauchten alle in der Nachbarschaft und wir keinen Wecker mehr. Um 5: 30 Uhr war die Nacht vorbei und Watson saß auf dem Hausdach und rief nach mir. Es reichte ein husten von mir und er reagierte mit nicht aufhörendem krähen. Lange Zeit ging das so, bis er immer selbständiger wurde und nicht mehr jeden Tag kam. Er fand immer mehr Anschluss bei einer Gruppe Rabenkrähen und einem Kolkraben, die hier ihr Revier haben.
Manchmal war er drei Tage nicht da und dann saß er wieder den ganzen Tag im Garten und ärgerte meine Hühner. Es war so eine lustige Zeit. Der Winter kam und die Vögel fanden nicht mehr so viel fressen wie noch im Sommer. Watson war wieder jeden Tag da und bekam Futter von mir. Es gehörte schon zur Morgenrutine auch Frühstuck für den Raben zu machen. Im Januar 2021 bin ich dann los auf die Bob Barker von Sea Shepherd. Ich verabschiedete mich von ihm und hoffte ihn nach meiner Ankunft zu Hause ihn wieder zusehen. Ab da kümmerte sich meine Tochter und meine Lebensgefährtin um Watson. Jeden Tag sendenten sie mir Nachrichten mit Bildern und kleinen Videos von ihm aufs Schiff. Im April war es dann so weit, dass ich von meiner Kampagne mit Sea Shepherd zurück nach Hause kam. Ein paar Tage vor meiner Ankunft war er noch da, aber es war ja normal, dass er mal für ein paar Tage nicht da war. Ich wartete, jeden Morgen, jeden Abend…kein Lebenszeichen von ihm. Es ist Brutzeit, Rabenvögel leben in Gruppen und kümmern sich gegenseitig um die Aufzucht der Jungvögel. Er wird wohl beschäftigt sein und hat keine Zeit für seinen Ziehpapa.
Jeden Tag höre ich am Morgen und Abend, Rabenkrähen in der Nähe, ich bin mir sicher, dass er dabei ist. Wenn ich rufe, antwortet er auch manchmal. Er hat wohl den Weg in die Natur gefunden und die Auswilderung hat funktioniert. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn er noch mal auf ein paar Weintrauben vorbeikommen würde.

Kommentare sind geschlossen.